Herr Latour, als ehemaliger Fussballer und langjähriger Trainer kennen Sie bestimmt das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden oder „zum alten Eisen“ zu gehören. Wir möchten von Ihnen wissen: Was passiert mit diesen Sportlern, zum Beispiel nach einer schweren Verletzung? Werden diese aufgefangen? Wer unterstützt sie? Braucht es überhaupt eine Unterstützung? Wenn ja, wo finden Sportler Hilfe? Wer sind die Ansprechpartner?

Jeder Sportler wird früher oder später mit diesem Thema konfrontiert. Die einen hatten Pech, einen Unfall und können ihrer Verletzung wegen ihren Beruf als Sportler nicht mehr ausüben. Sie sind gezwungen, sich komplett neu zu orientieren. Manche von ihnen stehen dann vor einem grossen schwarzen Loch. Aber es gibt auch die andere Situation, wo kein Pech im Spiel war. Man kommt in die Jahre, wo es einfach nicht mehr möglich ist, mit der Spitze mitzuhalten… und dann hat man entweder etwas vorbereitet oder nicht.

In welchem Alter wird dies bei einem Fussballer zum Thema?

Wenn ein Spieler so um die 30 ist. Das ist eigentlich noch sehr jung. In der Regel setzt er dann alles dran, eine Verlängerung seines Vertrages oder einen neuen Vertrags mit einem Verein zu erwirken.

Gewissermassen Torschlusspanik?

Der Spieler weiss genau, dass es langsam dem Ende zugeht. Er ist unschlüssig und unsicher, was er nach seiner Fussballerkarriere machen könnte. Deshalb ist er froh, wenn er noch ein bisschen Zeit gewinnen kann. Viele Sportler benötigen diese Zeit oft noch zur Vorbereitung des nächsten Schrittes. Das ist natürlich nicht bei allen gleich. Aber: Viele Sportler bekommen es in dieser Situation mit der Angst zu tun!

Als Profi-Fussballer verdient man doch recht gut!

Auch wenn einer im Sport erfolgreich war, hat er finanziell nicht ausgesorgt, das ist im Schweizer Fussball nicht möglich. Vielleicht hat er zwar etwas auf die Seite gelegt, aber vom Alter 32 bis 65 reicht dies nicht. Das ist ja auch nicht unbedingt nötig, denn man möchte ja noch etwas unternehmen.

Wie sieht es denn aus beim Wiedereinstieg ins Berufsleben?

In der heutigen Wirtschaft kann man nicht einfach so schnell hier einen anstellen, dort einen über irgendeine Lohnliste laufen lassen, da wird haarscharf kalkuliert. Und wer wartet heutzutage in der Wirtschaft auf einen 32 Jährigen Ex-Fussballprofi? Selbst wenn dieser vorher eine Berufsausbildung oder ein Studium abgeschlossen hat, ist es sehr schwer. Er hat schlichtweg den Anschluss verpasst. Sowieso hat sich heute gegenüber früher vieles grundlegend verändert.

War das früher auch schon so?

Früher, als ich noch selber in der obersten Liga Fussball spielte, da gab es keine Profi-Fussballer. Wir alle hatten unseren Full Time Job, vielleicht 80%. Nach der Arbeit wurde jeden Tag hart trainiert. Und jeder wusste ganz genau: Wenn im Fussball mein Karrieren-Ende kommt, da kann ich zurück in meinen Job. Wir waren im Berufsleben integriert.

Wieso ist das heute nicht mehr möglich: Arbeiten und zugleich in der oberen Liga Fussball spielen?

Hauptsächlich wegen der Belastbarkeit und den Erwartungen, die an die Leistungen eines Spielers gestellt werden. Wir waren damals ganz klar in der besseren Situation. Wir hatten es zwar sehr streng: Voll arbeiten, dann immer diese Trainings nach der Arbeit, 4 bis 5 Mal pro Woche, am Wochenende Spiel und die ganze Reiserei dazu. Die Spieler mussten damals psychisch sehr robust sein, sonst hat einer das nicht durchgestanden. Aber: Er musste keine Angst haben. Er war da nicht in einer totalen Abhängigkeit von diesem Job im Sport. Wenn er da zum Beispiel einen Unfall hatte, wusste er: Ich habe mein Einkommen noch von einem anderen Ort.

In welchem Alter fängt denn heute in der Regel eine Profi-Karriere an?

Oft schlagen die Jungen bereits mit 17 oder früher eine Profikarriere ein. Da scheint mir, sollte der Verein schon in die Pflicht genommen werden, Verantwortung für diese Jungs zu übernehmen. Doch da gibt es auch diese sogenannten Berater, welcher jedem Sportler zur Verfügung steht.

Wofür benötigt ein Fussballer einen Berater?

Da geht es in erster Linie darum, den Spieler bestmöglichst und zu einem höchstmöglichen Preis zu vermitteln, z.B. wenn er die Stelle, also den Club, wechselt.

Nimmt denn der Spieler sein eigenes Schicksal oder die Karriere als Sportler nicht selber in die Hand?

Die Spieler sind so von der Sache fasziniert und voll damit beschäftigt, dass sie sich keine Gedanken über die Zeit nach dem Fussball machen. Dies verdrängen sie einfach. Was man auch nicht vergessen darf: Diese Leute haben einen recht guten Lebensstandard. Wenn es dann so weit ist, sackt dieser ganz schnell deutlich ab. Mit dieser Tatsache klar zu kommen bereitet vielen enorme Mühe.

So ganz naiv sind doch die Spieler gar nicht?

Der grösste Teil sicherlich nicht. Viele stellen sich sicher immer wieder diese Fragen: Was kann ich eigentlich nebst dem Fussball? Oder: Was geht da die nächsten 30 Jahre? Sehr oft entsteht dennoch eine ziemlich hilflose Situation, vor allem, wenn ein Spieler kein Umfeld hat, das Hilfe bietet. Das Umfeld kann die Familie sein, die Partnerin, Freundin oder eben auch ein seriöser Berater.

Und wenn der Fussballer keine Lösung gefunden hat? Was bleibt ihm übrig?

Der nächste Schritt ist dann in der Regel das Arbeitslosenamt oder RAV, wie man heute sagt.

Ein Profi-Sportler auf dem Arbeitslosenamt?

Also: viele Spieler aus meinem Bekanntenkreis finden Gott sei Dank einen anderen Weg. Es sind verdienstvolle Spieler, die oft mehrere Jahre in einem Verein waren, aber auch dies ist heute schon selten. Mancher sagt sich am Ende seiner Karriere: Ich werde schon mal Nachwuchstrainer und probiert dann diese Leiter hochzusteigen bis ganz nach oben. Aber wenn man dann schaut, wie wenige Trainer es zuoberst braucht… das kann man nicht jedem anbieten. Das ist eine klare Illusion.

Eine seriöse Vorbereitung für die Karriere nach dem Sport wäre ja eigentlich nötig.

Das Interesse, dies richtig in die Finger zu nehmen, ist nirgends riesengross. Weder beim Spieler selber, noch beim Verein.

Wie haben Sie das damals als junger Spieler erlebt?

Ich hatte Laborant gelernt und bin erst mit 41 (!) Profi-Fussballtrainer geworden. Ich habe also bis 41 in der obersten Liga im Nebenamt gespielt, und bis in die zweitoberste Liga den Job als Trainer im Nebenamt gemacht. Die Doppelbelastung war sehr gross geworden: Ich reiste oft ins Ausland, zuhause wartete eine Mannschaft, die ich trainieren sollte. Auch mein Beruf als Laborant gefiel mir sehr gut. Dann bekomme ich das Angebot, Profitrainer zu werden, notabene nicht einmal in der obersten, sondern in der zweitobersten Liga. Soll man da das Risiko eingehen oder nicht? Meine Familie hat sofort reagiert: „Päpu, wir kennen dich, das ist deine Leidenschaft, das packst du, das kommt gut!“ Die Verwandtschaft hingegen meinte: „Jetzt dreht er komplett durch, jetzt gibt er seine sichere Stelle auf, das kann ja nur in einem Fiasko landen!“ Ich habe mich für die Leidenschaft entschieden. Ich habe immer gesagt: Im Leben, egal in welcher Branche gilt: Mit Fleiss, Mut und Glück, wenn diese 3 Sachen zusammentreffen, dann kann man sehr weit kommen!

Braucht man denn Glück für die Karriere?

Manchmal war es haarscharf, manchmal dauerte mein Vertrag nur noch 2 Monate und ich hatte nichts in Aussicht. Da kommt man schon ein wenig ins Grübeln. Aber es fand sich immer wieder eine gute Lösung und kam bis zuletzt gottlob immer gut heraus. Innerlich sagte ich mir immer, ich sei gar nicht abhängig von diesem Trainerjob.

Als Trainer sitzt man doch auf einem wackeligen Stuhl!

Eigentlich ist es verrückt da oben: Da gibt es in der Schweiz ja nur 10 Trainer in der obersten Spielgruppe. Ich war zwar auch in der Bundesliga Trainer, aber nur 10 in der Schweiz, das sind ja doch sehr wenige. Da muss man 100% dabei sein. Da muss alles andere hintenan stehen. Sonst sollte man es nicht machen. Das ist auch für das Umfeld sehr wichtig, dies zu wissen.

Wie sieht es heute bei Ihnen aus?

Mit 63, da hätte ich mich eigentlich pensionieren lassen können. Mein Vertrag bei den Grasshoppers war abgelaufen. Eigentlich hätte ich zwar gerne noch 1 Jahr oder so weitergemacht, aber der Verein hatte eine andere Strategie. Ich wollte mich nicht einfach auf einem Stuhl sitzen und warten, bis irgendwo eine Stelle als Trainer frei wird. Ich habe sodann eine Einzelfirma gegründet und bin jetzt in der ganzen Deutschschweiz als Referent tätig. Das läuft super, seit 2 ½ Jahren, mache noch ein bisschen Radio und Fernsehen…. Und damit war der Beweis erbracht, dass ich nicht abhängig war.

Neben Glück sprachen Sie auch von Fleiss und Mut, die es braucht, um Erfolg zu haben.

Fleiss und Mut: die beissen sich manchmal: Die Fleissigsten, die Streber sind sehr oft nicht die Mutigsten, und die Mutigsten, die Draufgänger, sind nicht immer die Fleissigsten. Ein Bespiel aus dem Fussball: Fleissig trainieren, im Spiel mutig nach vorne spielen und wenn dann noch ein bisschen Glück da ist… In meinem Leben ist diese Rechnung aufgegangen. Aber ich stehe dazu: Glück hat eine grosse Rolle gespielt. Da fiel vielleicht in einem ganz anderen Stadion ein Tor, zu dem ich ja nichts beigetragen habe, was dann für mich oder meine Mannschaft den Ausschlag gab.

Zurück zu unserer anfänglichen (ersten) Frage: Was geschieht mit einem Spieler, der sich verletzt hat und pausieren muss?

Wenn sich ein Spieler verletzt, dann bekommt er weiterhin seinen Lohn vom Verein, da dieser für jeden seiner Spieler eine Versicherung abschliesst.

Ist ein Verein nicht daran interessiert, dass der Spieler möglichst schnell von einer Taggeldzahlung wegkommt?

Es kostet den Verein nicht mehr oder weniger, ob ein Spieler entschädigt werden muss oder nicht. Alle Spieler sind versichert. Sogar Spieler, welche ich nur probehalber für 2-3 Tage bei mir hatte, denn für diese 2 Tage war ich der Arbeitgeber. Während der Verletzungszeit verarmt der Spieler nicht. Auch der Verein ist da fein aus dem Schneider. Die Probleme entstehen in der Regel erst im Nachhinein. Nicht für den Club, sondern für den Spieler.

Drängen sich da nicht neue Lösungsansätze auf?

Eigentlich sollte man dies denken, aber solche Vereine sind mir in der Regel nicht begegnet. Ich hatte früher ein solches Projekt, weil ich immer wieder mit solchen Situationen konfrontiert wurde und sah, wie schnell sich eine Situation ändert und wie wenig Gedanken sich die Leute machen.

Wie sah ihr Projekt aus?

Ich wollte ein sogenanntes Sozial-Sponsoring aufbauen, mit dem Ziel, Sportler wieder in den Arbeitsprozess zu integrieren. Ich versuchte Sponsoren, also in erster Linie Firmen, welche dem Verein gut gesinnt sind und diesen finanziell unterstützen, von folgender Idee zu überzeugen: Wir haben es nicht einfach auf euer Geld abgesehen. Wir möchten mit euch auch eine andere Möglichkeit ausprobieren: Seid ihr bereit, einen aktiven Spieler einen halben Tag pro Woche in eurem Betrieb anzustellen? Der Spieler wäre vielleicht fasziniert von der Möglichkeit, welche sich ihm für die Zeit nach seiner Sportlerkarriere bietet, und der Betrieb könnte sagen: Doch, dieser Mann passt zu uns! Ich als Unternehmer würde einen Sportler, der sich 10 Jahre ausschliesslich dem Sport gewidmet hat, auf jeden Fall nehmen. Diese Menschen sind psychisch äusserst robust. Auch für den Verein wären dadurch unter Umständen grosse Vorteile entstanden: Er hätte den einen oder anderen Spieler gewinnen und zu günstigeren Konditionen anstellen können als ein Club, der nur zahlt. Wissen Sie, wenn ein Spieler einen halben Tag pro Woche in einen Betrieb reinschaut, spielt er garantiert nicht schlechter Fussball. Im Gegenteil: Es hätte eine Bereicherung bedeutet. Man hätte rund 3 Jahre Zeit gehabt, das ganze so zu modellieren, dass es anschliessend für alle aufgeht. Und der Verein hätte davon profitiert, vor allem imagemässig. Doch meine Idee stiess auf taube Ohren.

Woran ist denn diese Idee gescheitert? Lag es am Verein, den Sponsoren oder am Spieler?

Die Vereine funktionieren heute wie eine Firma, sind ja fast alles Aktiengesellschaften, die haben in der Regel ganz andere Probleme zu lösen. Der Spieler fühlt sich oft in Sicherheit und ist im Glauben, dass sein Berater für ihn schaut und alles regelt. Schliesslich erhalten die Berater ja auch viel Geld von ihm.

Sollte da nicht der Spieler selber aktiv werden? Schliesslich geht es ja um seine Zukunft?

Eigentlich sollte die Initiative vom Spieler kommen. Aber, schaut mal, so ein Vollprofi zwischen 25 und 30, der denkt gar nicht an solche Dinge, schon gar nicht an die Zeit danach.

Am Schluss zahlt dann der Steuerzahler.

Ganz klar, aber das ist ja nicht nur beim Sportler so. Aber beim Sportler ist es einfach klar, dass diese Situation eintrifft. Altersbedingt. Unausweichlich. Es ist eine grosse Illusion zu meinen, dass das verdiente Geld, auch bei 150 bis 200 Tausend pro Jahr, bis ans Lebensende reicht. Diejenigen, welche 600‘000 oder sogar eine Million pro Jahr verdienen, die sind sehr rar. Dennoch kenne ich keinen Ex-Sportler, der unter der Brücke schläft.

Ich will das Ganze nicht verteufeln. Fussball ist etwas Grossartiges, aber es gibt Lücken. Eine davon ist ganz klar: die fehlende Vorbereitung auf die zweite Karriere.